Allen & OveryAllen & Overy

Annual Review 2011

Action!

David Morley, Senior Partner, und Wim Dejonghe, Managing Partner, beschreiben, wie sich Allen & Overy auf langfristiges Wachstum in einer zunehmend globalen, aber weniger vorhersehbaren Welt vorbereitet.

Die Jalousien sind ein Stück weit heruntergelassen, damit die helle Frühlingssonne nicht zu sehr in das Büro von David Morley im Londoner Stadtzentrum scheint. Er setzt sich dort mit Managing Partner Wim Dejonghe zusammen, um darüber zu sprechen, wo Allen & Overy am Ende eines sehr bedeutenden Jahres steht.

Wie die Erholung verlaufen wird, ist immer noch unklar. Sorgen über die Schuldenkrise in der Eurozone und in den USA, das Auf und Ab an den Finanzmärkten und Pessimismus im Hinblick auf eine Verlangsamung des Weltwirtschaftswachstums sind Elemente eines schwierigen wirtschaftlichen Umfelds.

Darüber hinaus macht die Rechtsbranche gerade die größte Umwälzung seit Jahrzehnten durch. Die Erwartungen der Mandanten haben sich infolge des Wirtschaftsabschwungs grundlegend verändert. Sie wollen jetzt von ihren Rechtsberatern einen höheren Gegenwert und anspruchsvollere fachliche Unterstützung zu niedrigeren Kosten. Anwaltssozietäten stehen unter großem Druck, rasch auf diese Veränderungen zu reagieren.

Das ist eigentlich eine immense Herausforderung. Aber die beiden Herren sind guter Dinge.

"Ich bin sehr zuversichtlich, was die Zukunft unserer Kanzlei angeht," sagt David Morley. "Wir befinden uns in einer Ausgangslage wie nur sehr wenige unserer Mitbewerber- vor allem angesichts des stärker werdenden Trends zur Globalisierung und der Tatsache, dass Unternehmen immer mehr über Grenzen hinweg tätig sind."

"Ich gehe davon aus, dass die Nachfrage nach hochwertiger Rechtsberatung durch Anwaltskanzleien, die lokale Marktkenntnisse in vielen Ländern anbieten können, zunehmen wird. In dieser Hinsicht nehmen wir in unserer Branche eine Spitzenstellung ein."

"Ich brauche Anwälte, die so denken."

Ein Beleg hierfür sind die Veränderungen der Umsatzquellen und Arbeitsabläufe von A&O in den letzten Jahren. Ca. 60 Prozent des Umsatzes werden inzwischen außerhalb Großbritanniens erwirtschaftet und an fast 70 Prozent der Mandate sind heute Büros in zwei oder mehr Ländern beteiligt - verglichen mit zwei Dritteln noch vor einem Jahr. Bei fast 50 Prozent der Mandate sind es drei oder mehr Länder.

"A&O besitzt nicht nur das größte Büronetz auf der Welt," merkt David Morley an. "Es geht um eine Geisteshaltung." Er erinnert sich an eine vor kurzem geführte Unterhaltung mit dem Chefsyndikus einer großen Investmentbank, der sagte, dass sämtliche Vorgänge, die gerade auf seinem Schreibtisch liegen, globaler oder grenzüberschreitender Natur sind. Und er fügte hinzu: "Ich brauche Anwälte, die so denken." Wenn dies aber der offensichtliche Trend für anwaltlichen Berufsstand insgesamt ist, wodurch unterscheidet sich A&O dann von ihren Mitbewerbern?

Wim Dejonghe weist auf ein merkwürdiges Paradoxon hin. Einige Anwaltskanzleien versuchen, eine weltweite Präsenz aufzubauen, indem sie neue Büros eröffnen. Aber sie führen jedes einzelne Büro nach wie vor wie eine eigenständige lokale Kanzlei. Andere konzentrieren sich auf einzelne, hochqualitative Beratungsprodukte und beschränken ihre Tätigkeit weitgehend auf die großen Finanzplätze der Welt.

"Der entscheidende Punkt für uns liegt darin, unsere weltweite Präsenz mit einem wirklich integrierten Qualitätsangebot zu verbinden. Es geht nicht nur darum, möglichst viele Standorte zu haben - es bedarf auch der richtigen Einstellung, um dafür zu sorgen, dass diese Büros möglichst eng zusammenarbeiten." In den letzten 18 Monaten hat A&O Neuland betreten und in Niederlassungen in Australien, Indonesien, Marokko, Katar und Washington DC investiert. Weitere Büroeröffnungen sind vorgesehen. Wie kann man mit Zuversicht Geld investieren, wenn das Weltgeschehen so unvorhersehbar ist?

"Wer in lokale Gemeinwesen eingebunden ist, ist im Vorteil," sagt David Morley. "Man sieht die Ereignisse dann in ihrem lokalen Zusammenhang und gelangt zu einer ausgewogeneren Sicht der Dinge. Man sieht Chancen, bevor andere sie sehen, und kann das Investitionsklima besser einschätzen."

Da überrascht es nicht, dass beide Herren zunehmende Geschäftsmöglichkeiten in Lateinamerika und - langfristig - auch in Afrika sehen. "Es geht im Grunde genommen nur darum, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und in der richtigen Art und Weise zu investieren," sagt Wim Dejonghe.

Diese Strategie wurde im Asiatisch-Pazifischen Raum erfolgreich umgesetzt. Dort hat A&O angesichts des enormen Wachstums in China, Indien und Südkorea und der boomenden Nachfrage nach Ressourcen in Australien und Indonesien die stärkste Präsenz unter den ganz großen Anwaltskanzleien aufgebaut. Dabei wurde die Zahl der Partner in dieser Region innerhalb von zwei Jahren verdoppelt.

Das Ziel für die Zukunft besteht darin, die weltweit führende, keinesfalls aber die größte Anwaltskanzlei zu werden.

"Größe spielt sicherlich eine Rolle," sagt David Morley. "Mit einem Umsatz von ca. GBP 1,1 Mrd. und 2.600 Anwälten auf der ganzen Welt verfügen wir über die richtigen Ressourcen, um zunehmend komplexe Rechtsangelegenheiten bewältigen zu können. Wir müssen aber nicht die größte Kanzlei sein, und das ist auch gar nicht unser Bestreben."

Investieren in der Abschwungphase

A&O hat ihre Wachstumsstrategie die gesamte Abschwungphase hindurch verfolgt und entschlossen weiter in ihr Büronetz investiert und Mitarbeiter mit mehrjähriger Berufserfahrung eingestellt, während andere Anwaltskanzleien sich zurückgehalten haben.

"Warum? Jede Private Equity-Gesellschaft wird sagen, dass es sinnvoll ist, antizyklisch zu investieren, wenn man wirklichen Mehrwert erreichen will," sagt Wim Dejonghe. "Aber dies muss aus einer Position der Stärke heraus geschehen - in finanzieller Hinsicht und in Bezug auf die Unternehmenskultur."

"Das ist eine Anerkennung für die Einstellung unserer Partner," fügt David Morley hinzu. "In schwierigen Zeiten ist die Versuchung oft sehr groß, sich auf die Rentabilität und die persönliche finanzielle Entlohnung zu konzentrieren - auf das Geld, das man hier und heute verdienen kann. Viele Partnerschaften funktionieren so." "Unsere Partner sind sich aber bewusst, dass wir weiter in die Zukunft blicken müssen und es in ihrer Verantwortung liegt, unsere Kanzlei besser aufgestellt zu hinterlassen, als sie sie vorgefunden haben." Die hohen Investitionen in den letzten Jahren waren im Wesentlichen auf drei Bereiche konzentriert: eine Erweiterung der Praxisbereiche von A&O; eine Expansion in wichtige neue geographische Märkte und eine Vertiefung der Beziehung zu wichtigen Mandanten.

Eine kurzfristige Absicherung der Gewinne ist ebenfalls unerlässlich. Dies setzt voraus, dass wir unsere Effizienz steigern und neue Beratungsprodukte in etablierten Märkten wie Großbritannien und den Beneluxländern anbieten, in denen unsere Kanzlei eine starke Marktstellung innehat und in anderen etablierten Märkten wie den USA, Frankreich und Deutschland Marktanteile hinzugewinnen. Im zurückliegenden Jahr war New York das Büro mit der höchsten Auslastung und belegte beim Umsatzbeitrag den dritten Platz.

Es bedeutet auch, etablierte Anwaltskanzleien in Märkten wie Australien mit einem neuen Geschäftsmodell herauszufordern und in Schwellenländern wie China und Indien, in denen es A&O nach wie vor gesetzlich untersagt ist, ihre Dienste direkt anzubieten, strategische Allianzen einzugehen. "Wenn sich die entsprechenden Bestimmungen ändern - und das wird zweifellos geschehen - , wollen wir vom ersten Tag an vor Ort sein und als erste aus dem Startblock kommen," sagt David Morley.

"Das ist unser strategisches Rahmenkonzept. Letztlich geht es aber immer um die Mitarbeiter. Man muss nicht nur den richtigen Ort finden, um zu investieren. Wenn man nicht die richtigen Mitarbeiter finden kann, kommt man einfach nicht voran. Washington ist ein gutes Beispiel. Wir hatten seit Jahren vor, dort ein neues Büro zu eröffnen. Aber erst vor kurzem haben wir die richtigen Mitarbeiter gefunden," sagt Wim Dejonghe.

Wo A&O in zehn Jahren stehen wird

Zu den wichtigsten Investitionen des letzten Jahres gehört das neue Support Center in Belfast. Damit wird A&O in den ersten fünf Jahren GBP 11 Mio. und danach jährlich mindestens GBP 8 Mio. einsparen. In diesem neuen Center werden bisher in London angesiedelte Funktionen wie die Personalverwaltung, die IT- und Finanzabteilung sowie standardisierte Rechtsdienstleistungen erbracht.

"Es geht bei allem um die Zukunft," sagt Wim Dejonghe. "Wir haben uns überlegt, wo unsere Kanzlei in zehn Jahren stehen soll und wie es dafür strukturiert werden muss."

"Es ist nicht wirtschaftlich, dass ein global tätiges Unternehmen seine unterstützenden Funktionen in einer der teuersten Städte der Welt unterbringt. Unsere Mandanten haben von uns zurecht verlangt, dass wir uns effizienter organisieren. Aber wir wollten unbedingt Qualität, Risiko und Kosten ins richtige Verhältnis zueinander bringen und haben uns deshalb gegen eine Outsourcing-Lösung entschieden. Wir wollen Belfast zu einem weiteren A&O-Büro machen, in der die Qualität unserer Arbeit gewährleistet ist. Wir haben einen Markennamen, den es zu schützen gilt, und man verliert die Kontrolle darüber, wenn man Funktionen extern auslagert."

David Morley würdigt die Professionalität der Mitarbeiter in London, wo 155 Arbeitsplätze abgebaut werden. Die meisten von ihnen haben während der langen Übergangsphase sehr viel gearbeitet, um den Erfolg des Projekts zu gewährleisten. "Wir wissen das sehr zu schätzen."

In Belfast sind die Investitionen der Kanzlei mit Begeisterung aufgenommen worden: Bereits in der ersten Woche nach Ausschreibung der ersten 130 Stellen gingen 2.600 Bewerbungen ein. "Nordirland hat ein sehr gutes öffentliches Bildungswesen, und deshalb gibt es eine große Zahl fähiger Leute, die erstklassige Beschäftigungsmöglichkeiten suchen, die allerdings i. d. R. dünn gesät sind."

Erfüllung der Erwartungen von Mandanten

Der zweite wichtige Schwerpunkt im zurückliegenden Jahr war der Aufbau besserer und dauerhafterer Beziehungen zu Mandanten.

"Wir sind sehr gut auf dem Gebiet der Begleitung von Transaktionen und Mandatsfällen. Das ist unser Geschäft, mit dem wir unser Geld verdienen, und wir werden das nicht aufgeben. Aber wir wollen besser darin werden, unseren Mandanten als strategische Berater zur Seite zu stehen," sagt David Morley.

Zu den diesbezüglichen Maßnahmen gehört ein mit Unterstützung durch das Beratungsunternehmen McKinsey konzipiertes besonderes Programm für die 100 A&O-Partner mit der größten Erfahrung. Wir haben uns neu auf die Pflege der Beziehungen zu großen, weltweit und lokal tätigen Mandanten fokussiert, die rund 75 Prozent zu unserem Umsatz beitragen.

Im Rahmen dieses Programms durchgeführte Befragungen von Mandanten haben ergeben, dass diese das, was A&O für ihre Unternehmen leisten kann, positiver einschätzen als die Partner unseres Unternehmens. "Solche Umfragen geben unseren Partnern die erforderliche Zuversicht, um auf höherer Ebene mit Mandanten zu sprechen - und zu überlegen, welchen Beitrag sie über die einzelne Mandatstransaktion hinaus erbringen können," sagt Wim Dejonghe.

Da Mandanten von ihren Anwälten heute viel mehr Spezialwissen verlangen, verfolgt A&O bei der Behandlung von Rechtsfragestellungen einen stärker nach Branchen gegliederten Ansatz. Dabei arbeiten Anwälte aus verschiedenen Praxisgruppen und Büros zusammen, sodass das in der gesamten Kanzlei vorhandene Fachwissen besser genutzt wird.

"Das ist eine behutsame Veränderung," sagt David Morley. "Vieles von dem, was wir auf dem Gebiet der Mandantenbetreuung bereits tun, ist sehr gut. Es geht deshalb darum, unsere Dynamik beizubehalten und unsere Position in der Zukunft zu stärken."

Das Interview mit David Morley und Wim Dejonghe führte Simon Beavis im Juni 2011.

Prioritäten für Praxisbereiche

  • Erhalt der weltweit führenden Praxisgruppe für Banking & Finance
  • Investition in regulatorische und aufsichtsrechtliche Expertise durch Aufnahme weiterer Spezialisten in den USA, Deutschland und Spanien;
  • Weiterer Ausbau der Praxisgruppe Corporate durch Einstellung von 20 Lateral Hires im Jahr 2010;
  • Stärkung des Bereichs Prozessführung durch Aufnahme von strategischen Lateral Hires in China, Deutschland und in den USA sowie Ausbau des Praxisbereichs Intellectual Property.